Es gibt Momente in der Geschichte, die kann man eigentlich erst im Nachhinein richtig einordnen. Der 22. Mai 2010 war genau so ein Moment, der später in die Kryptogeschichte eingehen sollte. An diesem Tag bestellte ein Mann namens Laszlo Hanyecz, ein Softwareentwickler aus Florida, zwei Pizzen. So weit, so gewöhnlich. Das besondere an Laszlos Einkauf war aber, dass er diese Pizzen mit 10.000 Bitcoins bezahlte.

Ja, du hast ganz richtig gelesen. Zehntausend Bitcoin. Für zwei Pizzen.

Was man allerdings im Hinterkopf behalten sollte: Damals war Bitcoin war kaum etwas wert, die Community bestand aus einer Handvoll Nerds und Cypherpunks und kaum jemand glaubte wirklich daran, dass man damit jemals etwas Sinnvolles anstellen könnte. Ein Allzeithoch von 126.000 US-Dollar schien damals pure Fiktion. Der Softwareentwickler Hanyecz wollte schlicht den Beweis antreten, dass Bitcoin im echten Leben funktioniert. Also postete er im Bitcoin-Forum sein Angebot: 10.000 BTC für zwei Pizzen. Wer liefert?

Die Leute rannten Hanyecz zu diesem Zeitpunkt nicht die Tür ein (stellt euch dieses Angebot mal heute vor). Tatsächlich dauerte es ein paar Tage, bis sich jemand fand. Letztendlich war es ein anderer Forumnutzer, der die Pizzen bei Papa John’s bestellte und das BTC-Angebot annahm. Hanyecz aß seine Pizzen. Und schrieb Geschichte.

Was wären die Pizzen heute wert?

Die Antwort auf diese Frage verursacht zumindest mir einen leichten Schwindel. Auf dem bisherigen Allzeithoch des Bitcoin-Kurses hätten die 10.000 BTC rechnerisch fast 1,3 Milliarden US-Dollar ergeben. Heute, zum 16. Jahrestag des Kaufs, sind sie immer noch mehrere hundert Millionen Dollar wert. Für. Zwei. Pizzen.

Sorry, ich muss an dieser Stelle mal ganz kurz durchatmen und mir eine klitzekleine Träne aus dem Augenwinkel wischen.

Hanyecz selbst hat sich übrigens nie groß als tragische Figur inszeniert. Er wusste, was er tat – sagt er zumindest (ganz ehrlich, ich würde das auch sagen und anschließend heimlich weinen).

Zumindest ein Gutes hatte seine Aktion: Ohne diesen Moment wäre Bitcoin vielleicht noch deutlich länger ein Spielzeug für Nerds und Cypherpunks geblieben.

Geld ist immer eine Frage des Vertrauens

Hier denken wir kurz über die ganz große Frage nach: Was macht Geld eigentlich zu Geld? Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach. Egal ob Euro, Dollar, Goldmünze oder Bitcoin: Der eigentliche Wert liegt im Vertrauen. Der Glaube, dass ich für diese Einheit einer Währung irgendwo eine Gegenleistung bekomme, ist die Grundlage jedes Geldsystems. Nicht mehr, nicht weniger.

Genau das hat Hanyecz mit seiner Aktion an diesem Tag etabliert. Er sagte sinngemäß: Mir sind diese zwei Pizzen 10.000 BTC wert. Und jemand anderes sagte: Einverstanden. In diesem Moment bekam Bitcoin erstmals einen realen Gegenwert. Keinen spekulativen. Keinen theoretischen. Sondern einen echten greifbaren.

Das klingt eigentlich ganz banal, war es aber damals nicht. Ohne diesen Schritt – ohne jemanden, der Bitcoin für etwas Greifbares beziehungsweise reales eintauschte – wäre die ganze Geschichte des digitalen Geldes möglicherweise ganz anders verlaufen.

Bitcoin als Zahlungsmittel: Versprechen vs. Realität

Wer das Whitepaper von Satoshi Nakamoto kennt, weiß: Bitcoin wurde nicht als digitales Gold erdacht. Der Titel lautet „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“. Also ein Zahlungssystem. Für alle. Ohne Bank dazwischen.

Heute hat sich die Kryptowährung – und ich finde das sehr bedauerlich –  Universen von ihrem Ursprungszweck entfernt. Bitcoin wird vor allem gehalten – als Investment, als Inflationsschutz, als Wette auf die Zukunft. Zum Bezahlen nutzen ihn die wenigsten. El Salvador hat 2021 einen ambitionierten Versuch gewagt und Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß: Nur etwa 25 Prozent der Bevölkerung nutzten BTC überhaupt für Alltagskäufe. Nach einem Deal mit dem Internationalen Währungsfonds wurde der gesetzliche Status wieder kassiert.

Bedeutet das, das Bitcoin als Zahlungsmittel auf der ganzen Linie ein Totalversager ist? Ich finde: noch nicht.. Das Internet hat auch Jahrzehnte gebraucht, bis es wirklich im Alltag ankam. E-Mail galt lange als Spielerei. Online-Banking wurde anfangs belächelt.

Ein alternatives Währungssystem setzt sich nicht in ein paar Jahren weltweit durch – erst recht nicht, wenn Behörden, Medien und etablierte Finanzinstitute regelmäßig mit Skepsis oder offenem Gegenwind reagieren.

Was bleibt vom Pizza Day?

Jedes Jahr am 22. Mai erinnert die Krypto-Community an Hanyecz und seine Pizzen. Und jedes Jahr gibt es zwei Lager: die einen, die lachen, und die anderen, die tief in sich gehen und überlegen, ob sie ihre eigenen frühen BTC noch irgendwo haben.

Ich finde, der Bitcoin Pizza Day ist vor allem eines: ein Beweis dafür, wie schwer es ist, die Tragweite eines Moments in Echtzeit zu erkennen. Wir alle hätten 2010 über diesen Forenpost hinweggescrollt. Wir alle hätten die Pizza genommen.

Und vielleicht – nur vielleicht – stecken wir gerade mitten in einem ähnlichen Moment. Einer Technologie, einer Entwicklung, die wir heute noch nicht ganz einordnen können, und über die wir in zehn oder zwanzig Jahren sagen werden: „Hätte ich damals nur…“

In diesem Sinne: Happy Bitcoin Pizza Day.

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