Eigentlich gilt Strategy als der ultimative Beweis dafür, dass Bitcoin endgültig im Unternehmensestablishment angekommen ist. Ein börsennotiertes Unternehmen, das Bitcoin nicht nur als Beimischung, sondern als Kern seiner gesamten Treasury-Strategie betrachtet – größer, radikaler und sichtbarer als jedes andere Unternehmen mit Krypto-Exposure.
Untrennbar verbunden ist diese Entwicklung mit dem Chairman von Strategy, Michael Saylor, der mit seinem grenzenlosen Bitcoin-Enthusiasmus längst zum Kryptorockstar der Finanzmärkte aufgestiegen ist. Kaum ein anderer Manager hat die Idee von Bitcoin als strategischer Unternehmensreserve so offensiv, öffentlich und kompromisslos vertreten.
Doch genau diese kompromisslose strategische Ausrichtung könnte sich nun als Problem erweisen. Denn je mehr Bitcoin Strategy anhäuft, desto abhängiger wird das Unternehmen vom Kurs – und der zeigte sich 2025 launischer, als es vielen Investoren lieb war.
Vom Softwarehaus zum Bitcoin-Konstrukt
Der Umbau von Strategy ist längst abgeschlossen. Das operative Softwaregeschäft existiert zwar noch, spielt für die Börsenbewertung jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle. Der wahre Kern des Unternehmens ist Bitcoin – konkret ein Bestand von über 670.000 BTC, finanziert über eine Mischung aus Eigenkapital, Wandelanleihen und Fremdkapital.
Damit ist Strategy kein „Bitcoin-affines Unternehmen“ mehr, sondern faktisch ein Bitcoin-Vehikel im Aktienmantel. Anleger kaufen mit der Aktie kein klassisches Unternehmenswachstum, sondern eine strukturierte Wette auf den Bitcoin-Preis – inklusive Hebel, Bilanzlogik und Kapitalmarktrisiken.
Solange Bitcoin steigt, funktioniert dieses Modell erstaunlich gut. Die Aktie entwickelt sich dann oft stärker als der Coin selbst, das sogenannte Premium auf den Nettoinventarwert wirkt wie ein Ritterschlag des Marktes. Doch dieses Premium ist kein Naturgesetz.
Kleines Detail, große Wirkung: Was die neue Bilanzierung für Strategy bedeutet
Der aktuelle Gegenwind für Strategy kommt nicht aus dem operativen Geschäft, sondern aus der Art, wie Zahlen heute dargestellt werden müssen. Seit Anfang 2025 bewertet das Unternehmen seine Bitcoin-Bestände zum sogenannten Fair Value, also zum aktuellen Marktpreis.
Das hat eine einfache Konsequenz: Steigt oder fällt der Bitcoin-Kurs, taucht diese Bewegung sofort in der Gewinn- und Verlustrechnung auf – ganz egal, ob Strategy tatsächlich Bitcoin verkauft oder nicht.
Was auf dem Papier nach mehr Transparenz klingt, ist in der Praxis ein kommunikatives Minenfeld. Denn ein schwaches Bitcoin-Quartal sieht plötzlich aus wie ein massiver Unternehmensverlust, obwohl sich am eigentlichen Geschäft nichts verändert hat. Unrealisierte Verluste – also reine Buchverluste – erscheinen wie echte Fehlbeträge, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung.
Genau hier beginnt der mögliche Backlash. Der Kapitalmarkt reagiert nicht nur auf nackte Zahlen, sondern auf das, was diese Zahlen erzählen. Und das Narrativ „Bitcoin als strategische Reserve“ klingt deutlich weniger überzeugend, wenn rote Milliardenbeträge durch die Gewinn- und Verlustrechnung laufen, auch wenn sie nur auf dem Papier existieren.
Das schmelzende Premium und die Geduld der Aktionäre
Besonders sensibel ist die Relation zwischen Aktienkurs und Bitcoin-Bestand. Fällt die Aktie in Richtung des reinen Coin-Werts, verschwindet der Puffer, der Strategy lange ausgezeichnet hat. Anleger stellen dann fast zwangsläufig die Frage: Warum nicht direkt Bitcoin kaufen?
Diese Frage wird umso lauter, je häufiger Strategy neues Kapital aufnimmt. Aktienverkäufe zur Finanzierung weiterer Bitcoin-Käufe waren in Aufwärtsphasen leicht zu rechtfertigen. In einem schwächeren Marktumfeld wirken sie dagegen schnell wie eine Verwässerung zur Verlängerung einer Theorie, nicht wie echte Wertschöpfung.
Der Punkt ist nicht, dass diese Strategie grundsätzlich falsch wäre. Der Punkt ist, dass sie extrem stimmungsabhängig ist – und Stimmungen kippen an den Märkten oft schneller als Kurse.
Wenn Mechanik wichtiger wird als Meinung
Der mögliche Gegenwind für Strategy muss nicht von enttäuschten Anlegern kommen. Er kann auch dank ganz nüchterner Regeln entstehen. Indexlogiken, Klassifizierungen und formale Kriterien haben wenig übrig für Visionen oder Überzeugungen, mögen sie noch so revolutionär uns strahlend sein. Sie stellen eine einfache, trockene Frage: Was ist dieses Unternehmen eigentlich?
Je stärker Strategy wirtschaftlich auf seinen Bitcoin-Bestand reduziert wird, desto eher gerät das Unternehmen in einen Graubereich für Indexanbieter und Fondsregeln. Für viele passive Produkte ist entscheidend, ob ein Unternehmen als operatives Geschäft oder faktisch als Asset-Holding gilt. Verschiebt sich diese Einordnung, kann das automatische Folgen haben: Fonds dürfen die Aktie dann schlicht nicht mehr halten.
In diesem Fall geht es nicht um Meinungen oder Marktstimmung, sondern um formale Kriterien, die Verkäufe erzwingen – unabhängig davon, wie Investoren die Bitcoin-Strategie bewerten. Diese Abflüsse treffen den Kurs unmittelbar, weil sie gebündelt auftreten und nicht taktisch gesteuert werden. Für den Markt fühlt sich das wie eine Abstimmung an, obwohl es in Wahrheit nur die Konsequenz eines Regelwerks ist.
In diesem Moment entsteht eine paradoxe Situation: Strategy gerät unter Druck nicht, weil Bitcoin scheitert, sondern weil Bitcoin im Unternehmen zu dominant geworden ist.
Der Wal im Raum
Strategy ist inzwischen so groß, dass es nicht mehr nur Teil des Marktes ist, sondern Teil der Debatte über den Markt. Für Bitcoin-Befürworter ist das Unternehmen ein Beweis institutioneller Reife. Für Kritiker ein Klumpenrisiko mit Börsenticker. Für Beobachter ein Experiment: Wie weit lässt sich Bitcoin über klassische Kapitalmarktstrukturen hebeln, bevor Reibung entsteht?
Wale bewegen Märkte – aber sie ziehen auch Aufmerksamkeit auf sich. Und Aufmerksamkeit ist ein volatiles Spiel – vor allem im Finanzmarkt. Was heute als visionär gilt, kann morgen als systemisches Risiko gelesen werden. Nicht, weil sich die Fakten geändert haben, sondern weil der Kontext plötzlich ein völlig anderer ist.

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